Ein gutes Motiv in der Fotografie zu erkennen, erfordert Erfahrung. Diese Erfahrung entsteht nicht durch theoretisches Wissen allein, sondern vor allem durch das Tun – und durch das bewusste Akzeptieren von Fehlern. Wer fotografiert, muss bereit sein, Bilder zu machen, die nicht gelingen. Gerade in der digitalen Fotografie ist diese Freiheit größer denn je: Fehlversuche kosten kein Filmmaterial mehr, misslungene Aufnahmen lassen sich löschen, analysieren und hinter sich lassen.

Doch bevor Technik und Bildbearbeitung greifen, steht ein viel grundlegenderer Schritt: anders zu denken. Nicht das Motiv selbst ist entscheidend, sondern die Art, wie wir es sehen. Übungen wie das Denken in Schwarz-Weiß oder das gezielte Durcharbeiten eines Bildes in unterschiedlichen Ausprägungen helfen dabei enorm. Sie schulen den Blick für Formen, Kontraste, Stimmungen und Bildaussagen.

Bouzouki Spieler in Farbe
Bouzouki Spieler in Farbe

Anhand eines einzigen Motivs möchte ich diesen Prozess verdeutlichen. Dasselbe Bild wurde bewusst mehrfach interpretiert – jede Ausarbeitung legt einen anderen Schwerpunkt und erzählt eine leicht veränderte Geschichte.

 

Das Bild in Farbe

Die Farbfassung entspricht am ehesten unserer natürlichen Wahrnehmung. Farben liefern Orientierung, Emotion und Kontext. Sie können unterstützen, aber auch ablenken. In dieser Version zeigt sich das Motiv so, wie es vorgefunden wurde – ehrlich, direkt und unverfälscht. Die Herausforderung liegt hier darin, die Farben bewusst zu nutzen, ohne dass sie die Bildaussage dominieren.

 

Alter Farbumkehrfilm-Stil

Die Bearbeitung im Stil des klassischen Ektachrome-Films verleiht dem Bild eine nostalgische Anmutung. Typisch sind kühle Farbtöne, kräftige Kontraste und eine leicht verfremdete Farbpalette. Bei Agfachrome ergab es einen ähnlichen Effekt nur das Agfa eine wärmere Ausprägung hatte. Diese Ausprägung entfernt sich bewusst von der Realität und weckt Erinnerungen, Emotionen und Assoziationen. Das Bild wirkt weniger dokumentarisch, dafür erzählerischer und zeitlos. Die Ausprägung im Farbumkehrfilm Stil erinnert sehr stark an die Dia in der Familie, oder an öffentliche Dia Vorträge in der Stadthalle. Doch Farbumkehrfilm war auch in hochwertigen Printmedien ein grosses Thema, denn durch den eine Unterbelichtung konnte man eine hohe Farbsättigung erzielen, das Magazin GEO nahm mit Vorzug nur Bilder mit 1-2 LW Unterbelichtung, weil dies im Druck auf hochwertiges Hochglanzpapier eine enorme Wirkung beim Betrachter erzeugt. Ich selber habe Farbumkehrfilm immer auf Ilfochrome Classic Papier verarbeitet, weil dieses durch eine hohe Brillanz und Langlebigkeit auszeichnete. 

Agfachrome Stil
Bouzouki Spieler im Agfachrome Stil

 

Schwarz-Weiß

In der Schwarz-Weiß-Version wird das Motiv auf seine wesentlichen Bestandteile reduziert. Farbe fällt vollständig weg, Form, Licht und Kontrast rücken in den Vordergrund. Diese Reduktion zwingt den Betrachter – und auch den Fotografen – genauer hinzusehen. Linien, Strukturen und Tonwerte bestimmen nun die Bildwirkung. Oft zeigt sich hier besonders deutlich, ob ein Motiv wirklich trägt.

Bouzouki Spieler schwarz-weiss
Bouzouki Spieler in schwarz-weiss

 

Schwarz-Weiß mit Sepia-Tonung

Die sepiafarbene Tonung verbindet die Klarheit der Schwarz-Weiß-Fotografie mit einem Hauch Wärme und Nostalgie. Sie nimmt dem Bild etwas von seiner Strenge und verleiht ihm eine ruhigere, fast melancholische Stimmung. Diese Ausprägung eignet sich besonders für Motive, die Zeit, Erinnerung oder Vergänglichkeit thematisieren. Die Tonung gibt es in zwei Formen die Brauntonung (Sepia) und die Blautonung (Selen), sie war auch ein Schritt vor der Handkolorierung. Dies war nötig schwarz-weiss Bild meist über sehr hohe Kontraste verfügt, somit die Eiweisslasur Farbe ihre Wirkung gar nicht entfalten kann. Während die Sepiatonung Wärme erzeugt, wirkt die Selentonung kühl und distanziert. 

Bouzouki Spieler in Sepia Tonung
Bouzouki Spieler in schwarz-weiss mit Sepia Tonung

 

Fazit

Das bewusste Ausarbeiten eines Bildes in unterschiedlichen Varianten ist mehr als nur ein Spiel mit Filtern. Es ist eine Übung im Sehen, Denken und Entscheiden. Jede Ausprägung verändert die Aussage des Bildes – manchmal subtil, manchmal deutlich. Wer sich auf diesen Prozess einlässt, entwickelt nicht nur seinen persönlichen Stil weiter, sondern lernt vor allem, Motive bewusster wahrzunehmen und fotografisch zu interpretieren.